2007-08-14 Express: Achtung Hier kommt Dr. Made
From ForensicWiki
Quelle: Express-Serie, 14. August 2007, Seiten 6 & 7
Achtung! Hier kommt Dr. Made
VON HARALD W. JÜRGENSONN
Sein Thema ist der Tod - da lebt er auf. Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe und Buchautor. Heute erscheint "Mordspuren", hier nimmt er uns mit zu Kannibalen und Vampiren, zeigt uns die letzten Geheimnisse des Serienmörders Jürgen Bartsch, erklärt Fälle, die unseren Verstand überfordern. EXPRESS zeigt Ihnen ab heute jeden Tag Details aus seiner Arbeit mit Maden, Fliegen und Würmern, nimmt Sie mit durchs Tor zur Hölle. Und am Montag, 20. August, wird "Dr. Made" Mark Benecke exklusiv für EXPRESS-Leser aus seinem jüngsten Buch lesen.
Ich arbeite auf für verurteilte Knackis
Je mehr der Wurm drin ist, desto mehr gefällt ihm der Fall. Mark Benecke ist 36, Kriminalbiologe und so was wie der Popstar der Branche. Kahlrasierter Schädel, bunt tätowierte Arme, flotte kölsche Sprüche - bei ihm wird die Leichenschau zur Maden-Show In seiner klenen Wohnung an der Landsbergstraße löst der Sherlock Holmes vom Vringsveedel (fast) jeden Fall. Weltweit …Manchmal muss Saskia, die Assistentin, ran. Dann wird Beneckes mit Tausenden Büchern und vielen fantastisch-düsteren Bildern eingerichtete Wohnung zum Tatort. Rekonstruktionen haben ihre Spuren hinterlassen - Blutspritzer auf dem Sofa, auf dem zum Glück sowieso schon blutrot gemusterten Teppich vor den vollgestopften, zimmerhohen Regalen. "Um die wegzukriegen, hab ich mir extra einen Kraftreiniger gekauft. Besuch darf sich halt nicht am Sofa stören …." Gut, wir klingeln.
Benecke kommt in schwarzen Gummistiefeln zur Tür, am Gürtel baumeln Karabinerhaken, Taschen mit Pinzetten, Werkzeugmesser, Hand und Lampe. Immer auf dem Sprung zum nächsten Einsatz. Ein wandelndes Einmannlabor. Urlaub kennt er nicht, Mord ist sein Hobby. In diesem Metier arbeitet er, darüber schreibt er. Seine Sprache: Jungdeutsch - von "krass" bis "vollgeil" in kölschem Singsang. Die weltweit schrägste, schillerndste Figur seiner Branche.
"Als Jugendlicher hab ich 'Blade Runner' geguckt, da konnten die mit genetischem Fingerabdruck Androiden von echten Menschen unterscheiden. Hat mich total beeindruckt. ich hab dann Biologie studiert, kam zum Kölner Institut für Rechtsmedizin. Die haben uns Biologen in den Affenstall im Keller gesteckt, da, wo früher Tiere Elektroschocks kriegten und radioaktiv verseucht wurden. War aber prima zu nutzen als Labor. Ich bin immer rüber zu den Leichen, wenn sie verfault waren. Die dachten immer, ich interessier mich für die Toten, aber ich hab mir nur die Tiere angeguckt. Ein Kripomann hat dann mal zu mir gesagt, die Käfer und Fliegen könnte man auch zur Liegezeitbestimmung brauchen - tja, und so wurde ich Kriminalbiologe. War ich damals nicht in den Keller gespült worden, war ich heute Glanzkäferforscher in Puerto Rico oder sowas." Krass!
Benecke ist immer der Letze an der Leiche. dann, wenn alle Spuren gesichert sind, fängt seine Feinarbeit an. Maden suchen, Fliegeneier zählen, Käferfraß messen. Ekeln Sie sich vor nichts? "Nur vor Spinnen und Leberwurstbroten." Benecke ist Vegetarier. Manchmal isst er Insekten, "für meine Studenten, wenn sie brav sind, als kleines Gimmick". Auf seiner Homepage gibt's Rezepte zu Heuschrecken, Mehlwürmern und Seidenraupen. voll geil!
Kein Auto, seit Jahren in derselben Altbauwohnung, keine Sekretärin, kein Urlaub. Aber Herr Benecke, Sie sind doch Star-Kriminalbiologe - "Wer mich in Anspruch nimmt, weiß, dass es wenig kostet. Manchmal gibt's Deckelungen von der Staatsanwaltschaft, die festlegt, dass mein Einsatz zum Beispiel maximal 250 Euro kosten darf. Da bleiben mir dann quasi netto noch drei Euro übrig. Aber mit Verträgen und Seminaren krieg ich meine Miete schon zusammen." Und für wen arbeiten Sie? "Für Ermittler. Aber auch für verurteilte Knackis. Mich interessiert nicht, ob jemand schuldig ist oder warum er was getan hat. Ich stelle nur Fakten fest. Was die dann damit machen, ist mir wurscht."
Er hasst Zigaretten. Aber wenn er vom Tatort kommt, pafft er dicke Zigarren - "um den Leichengeruch in meinen Klamotten zu übertünchen, sonst Halts neben mir im ICE keiner aus." Emotionen bei der Madenschau auf Leichen? "Nö. ich sag mir: das haben Leute gemacht, die ich nicht kenne, die mich nichts angehen. Ab und zu reiße ich mal das Tor zur Hölle auf und guck', wie's aussieht im Bösen, Schlimmen und Entsetzlichen. Urteile, die meiner Arbeit folgen, interessieren mich nicht."
Auf dem Weg durch dieses Tor zur Hölle nimmt Mark Benecke uns mit. Folgen Sie ab morgen im EXPRESS seinen "Mordspuren".
Mit drei Maden bewies er: Pastor brachte seine eigene Ehefrau um
Berühmt wurde Mark Benecke durch Mord und Totschlag - einer seiner ersten großen fälle war der des Pastors Klaus Geier. Der protestantische Geistliche wurde verdächtigt, seine Frau umgebracht zu haben. Mit einer Bundeswehrmaschine wurden drei Fliegenmaden, die an der Leiche der verglichenen Gattin hafteten, nach New York geflogen, wo Benecke damals am Rechtsmedizinischen Institut arbeitete. Der Kölner untersuchte das Getier unterm Mikroskop, errechnete den gehauen Todeszeitpunkt der Frau. Und für genau diese Zeit hatte Geier kein Alibi. Konsequenz für den rabiaten Gottesmann: acht Jahre Haft.Die rheinische Frohnatur Benecke ("Ich bin schon 'n bisschen kauzig -") hat sich aber auch ins Leben vertieft. Genauer: ins ewige Leben. 1998 schrieb er in seinem Buch "Der Traum vom ewigen Leben": "Etwa im Jahr 2050 werden wir genügend Kenntnisse haben, um biologisch unsterblich zu sein." Für ihn ist der Mensch im Wesentlichen ein mehr oder weniger perfektes Zusammenspiel aus Physik und Chemie - Maschine Mensch.
Der genetische Fingerabdruck, die DNA, ist dabei für ihn der Schlüssel, Alterungsprozesse aufzuhalten. und den Faktor Krankheit auszuschalten: "Für mehr als 700 erbliche Krankheiten haben Forscher bereits die auslösenden Gene lokalisiert, mögliche Schlüssel für die Heilung gefunden."<br<
Bis es so weit ist, Menschen das ewige Leben anzutun, plädiert er für die Obduktion jedes Toten - "um falsche Diagnosen zu berichtigen". Gibt es viele Fälle, wo Menschen angeblich eines natürlichen Todesstrafen, in Wirklichkeit aber ermordet wurden? Benecke: "Nein - vermutlich würden sie aber sehr hoch sein." Und wenn es mal dazu kommt, dass wir alle ewig leben, keines natürlichen Todes mehr sterben - wovon leben dann die Maden? Von Mord und Totschlag.
Schweineblut vom Metzger muss sein
Benecke kann innerhalb weniger Minuten mit seiner kompletten Ausrüstung das Haus verlassen. Wenn sein Hand Alarm klingelt, braucht er nur noch die gepackten Kopfe zu schnappen - alles andere trägt er am Körper, sogar die Gummistiefel hat er zu Hause an. Dann schwingt er sich aufs Fahrrad, schlängelt sich an Staus vorbei zum Bahnhof. Mit dem Auto wird's zu lange dauern …
Aufwendige Geräte braucht er selten. "Man kann alles mit ultrateuren Programmen nachrechnen und rekonstruieren, man kann es aber auch mit einem Geodreieck nachmessen und den Fall hier mit Schweineblut nachstellen. Das dauert eine halbe Stunde und kostet fünf Euro. Anders dauert es eine Woche und kostet 10 000 Euro. Da mach ich's doch lieber mit Geodreieck und Blut vom Metzger".

