2006-06-22 Rheinische Post: Pflegevernachlässigung

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Quelle: Rheinische Post 22. Juni 2006 (Land und Leute), A3

Vernachlässigung kommt oft nicht vor Gericht

[Entpuppt und überführt: Pflegevernachlässigung] [Neglect of the elderly: Cases and Considerations] [Child neglect and forensic entomology]

VON CAROLA SIEDENTOP

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Click for .pdf Auch der Kriminal-Biologe Mark Benecke hat hin und wieder mit Todesfällen zu tun, bei denen eine Vernachlässigung in der Pflege offensichtlich ist - auch wenn sie nicht die Todesusache war.

"Wie häufig das allgemein vorkommt, wissen wir nicht. Ich bin mir aber sicher, dass es viele Fälle gibt, nur werden wir in solchen Fällen nicht dazugezogen", erklärt Benecke. Ein Kollege von ihm, der für eine Studie tausende Leichen in Krankenhäusern untersuchte, entdeckte - quasi als Nebenprodukt seiner Forschungen - bei einigen große Druckgeschwüre und Zeichen von Unterernährung. Zwar ließen sich Druckgeschwüre bei Bettlägrigen nicht ganz verhindern, "aber man kann verhindern, dass sie so groß werden", sagt Benecke.

Ähnliches gelte für Unterernährung: Viele ältere Menschen essen zu wenig und sind zu dünn, was jedoch nicht immer eine Zwangsernährung rechtfertigt. Anders sieht es aus, wenn der Grund für beide Symptome eine Vernachlässigung ist. Im Falle von Beneckes Kollegen, der die Studie durchgeführt hat, hätten Politiker kein Interesse daran gehabt, Licht in die Dunkelziffern zu bringen, berichtet Benecke: "Es gab einen Anruf bei dem Kollegen, wo ihm deutlich gemacht wurde, dass ja bald eine Vertragsverlängerung ansteht und man nicht möchte, dass er die Ergebnisse veröffentlicht."

Pflegeheime oder -dienste hätten natürlich ebenfalls kein Interesse daran, dass die Vernachlässigungen bekannt würden und versuchten den schlechten Pflegezustand. "Und die Angehörigen werden es in der Regel nicht entdecken oder machen sich selbst Vorwürfe", erklärt Benecke. Das Problem werde sich durch die demografische Entwicklung eher verschärfen.

"Für die Politik ist es schlecht, wenn über gesellschaftliche Missstände, die nicht änderbar sind, gesprochen wird...das macht Angst", sagt der Kriminal-Biologe. Auch wenn viele Fälle von Pflegevernachlässigung durchaus ein juristisches Nachspiel haben könnten, stehen die Verantwortlichen nur selten vor Gericht.

Benecke nennt ein Beispiel aus seiner Arbeit: Eine Seniorin wird tot in ihrer Wohnung in Köln gefunden, ihr Todeszeitpunkt ist ungewiss. Benecke untersuchte die vorkomenden Insekten in der Wohnung, um die Leichenliegezeit zu bestimmen. Und sie fanden noch etwas anderes heraus "Wir haben eindeutig anhand der Fliegen nachgewiesen, dass die Frau seit mindestens seit drei Wochen nicht mehr gepflegt wurde", berichtet Benecke. Denn in der Wohnung wurden Stallfliegen und ihre Maden entdeckt, die durch Kot und Urin in verschmutzten Windeln angezogen werden und sich dort vermehren. Die Pflegerin hatte behauptet, dass sie sich vor einer Wochen noch um die Frau gekümmert habe. "Das haben wir eindeutig objektiv widerlegt. Das war eine Lüge", erklärt der Kriminal-Biologe. "Aber der Staatsanwalt hat die Akte zugemacht."

Gerade in den Großstädten in NRW, wo die Staatsanwaltschaften mit Mordfällen bis zu zu organisierter Kriminalität zu tun haben, würden Pflegevernachlässigungen häufig nicht angeklagt. "In den kleineren Städten, sagen wir mal Hagen, Wuppertal, Hamm, da schwingen Richter und Staatsanwalt so richtig den Hammer", berichtet Benecke. Die Strafverfolgung hänge also immer auch davon ab, wie viel Kapazität Staatsanwaltschaft und Polizei für solche Fälle frei hätten.


Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Emergency Text / SMS for crime cases only +49-173-287-3136. Absolutely no social networks & newsletters. Never send .doc, .ppt, .xml -- .rtf and .pdf only. Tx!