2005-09-03 Märkische Oderzeitung: Der Madendoktor und das Kleid von Monica
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Quelle: Märkische Oderzeitung, Frankfurter Stadtbote, 3. / 4. September 2005, Seite 19
Der Madendoktor und das Kleid von Monica
Mark Benecke ist als Kriminalbiologe ein Exot: Er untersucht Insekten an Leichen und fahndet nach genetischen Fingerabdrücken
[Mehr zum genetischen Fingerabdruck] [Die MOZ über Beneckes Veranstaltung 2008] [Ein weiterer Bericht aus der Märkischen Oderzeitung]
VON INA MATTHES
Besser hätte es die Polizei auch nicht aufbewahren können. So blieb die Körperflüssigkeit im Stoff bestens konserviert. Für Experten wie Benecke ist es dann ein Kinderspiel herauszukriegen, von wem der Fleck wohl stammt.
Das Kleid von Lewinsky hat der Deutsche zwar nicht selber untersucht, aber als einer der wenigen Kriminalbiologen überhaupt kommt der Rheinländern herum in der Welt - von China nach Mexico. Am Donnerstagabend war er nach Frankfurt ins City-Park-Hotel eingeladen zu einem Vortrag über den genetischen Fingerabdruck. Die Hörer von Radioeins unter den Gästen werden geahnt haben, was sie erwartet. Denn dort plaudert der Experte in der Sendung die "Profis" regelmäßig sonnabends vormittags über Wissenschaft. Benecke bevorzugt fremdwortfreien Klartext und kommt in seinem Redefluss ohne Punkt und Komma aus. Sich verständlich auszudrücken ist bei dem Wissenschaftler eine Berufskrankheit: Er arbeitet viel mit Polizisten zusammen, erzählt er, und die wollten genau wissen "ob hü oder hott".
Wenn bei dem 34-Jährigen das Hand klingelt, dann ist oft die Polizei dran, weil gerade irgendwo ein Toter gefunden wurde. Den Anblick von Wasserleichen und Madengewimmel auf kaum noch menschlichen Gesichtern ist der "Madendoktor" gewohnt. Ein paar Bilder zur Illustration seines Vortrages hat der Kriminalbiologe mitgebracht und erklärt daran mit der schnoddrigen Abgeklärtheit des Profis Details seines Jobs. "Ich bin kein Supermann, nur einer, der sich mit Biologie beschäftigt."
Die Insekten auf den Toten, die sind sein Fall. Der promovierte Biologe kann durch das Bestimmen von Fliegenmaden zum Beispiel Hinweise darauf geben, ob der Fundort der Leiche auch der Tatort ist. Der Mörder lässt sich dann vielleicht mit Hilfe des genetischen Fingerabdrucks fassen. Den hinterlassen Menschen, wo sie gehen oder stehen. Überall bleibt ein bisschen DNA, also Erbmaterial, zurück - ob nun im ausgefallenen Haar oder in der Hautschuppe auf der Computertastatur.
Am genetischen Fingerabdruck, in Deutschland von Datenschützern argwöhnisch beäugt, sei eigentlich nichts Gefährliches dran, versichert der Kölner. Was dabei untersucht werde, seien schließlich nicht die Gene selber, die bestimmte Eigenschaften oder Krankheiten festlegen. Es ist vielmehr der informationslose Füllstoff dazwischen, aus dem die Experten ein individuelles Muster filtern. Und das landet als Zahlenfolge im Computer des Bundeskriminalamtes. Andere Länder gehen da weiter - die Niederländer haben schon die Analyse von Genen der Augenfarbe oder der Körpergröße gestattet - obwohl die bisher noch gar nicht entdeckt sind. Ob das in Deutschland auch erlaubt werden sollte oder besser nicht, darüber hatte das Publikum allerdings keine Lust zu diskutieren. Die etwa 40 Gäste, darunter viele Polizisten, wollen lieber noch eine Geschichte aus dem abenteuerlichen Leben eines Kriminalbiologen hören - die von Hitlers Schädel.
Den hat Mark Benecke zusammen mit US-Kollegen in Russland für einen Fernsehsender untersucht. Nach Kriegsende hatte der sowjetische Geheimdienst Hitlers Zähne und die Schädeldecke in einer Kiste mit der Aufschrift "Mythos" nach Moskau bringen lassen, wo sie bis heute von einer Archivarin mit Häkelstola bewacht werden. Stalin ließ damals verbreiten, dass sich Hitler vergiftet habe. Benecke und seine Kollegen konnten den Gegenbeweis antreten. Hitler hatte auf Zyankali und Pistole gesetzt - die Wissenschaftler entdeckten die Löcher, die das Projektil in den Knochen gerissen hatte.
Die russischen Gastgeber hätten dem Deutschen das Schädelstück sogar für Ausstellungszwecke überlassen. Doch der lehnte dankend ab. So liegt es weiter in Moskau - in einer Diskettenbox aus Plastik.
