2002 Südstadt Magazin: Dr Mark Benecke
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Quelle: Südstadt Magazin, Köln Intim, Nr. 1-2/2002, 13. Jahrgang, Seiten 26 bis 29
Dr. Mark Benecke
VON KAROLA WALDEK
Egal wo auf der Welt "gemordet" wird - Benecke ist stets im Einsatz. Mit Ketten und Karabinerhaken am Hosenbund gesichert, trägt er Hand, Digitalkamera, ein Schweizer Messer mit Pinzette, diverse Schlüssel, Tatortschilder zur Maßstabsmessung und jede Menge weitere für seinen Beruf unerlässliche Utensilien stets am Körper. Ob er gerade im Hörsaal vor Studenten spricht oder am Frühstückstisch sitzt, wenn das Hand klingelt, macht er sich auf in die USA, nach Vietnam, zu den Philippinen, nach Rumänien oder auch nach Brandenburg, um z.B. die Leichen eines ermordeten Bauunternehmers zu inspizieren.
Häufig liest man seinen Namen in der Presse - meist im Zusammenhang mit "Sex Crime"-Fällen. Seine berufliche Reputation in so jungen Jahren ist erstaunlich, er ist Autor und Mitautor zahlreicher Sachbücher, sein Job ist hochspezialisiert und schlecht bezahlt, doch das stört den agilen Forscher, der am 13. Februar die Ehrenkriminalmarke verliehen bekommt, überhaupt nicht. Geld ist für ihn nur ein Synonym für Miete, Heizung und Essen. Alles was ihn interessiert, sind Insekten und Maden und dafür ist er bereit, zu den unmöglichsten Bedingungen zu arbeiten!
Gerade von einem Kriminalfall zurück kommend, trafen wir uns in seiner unscheinbar gelegenen Wohnung, inmitten im Herzen des Vringsveedels. Dort unterhielten wir uns in seinem "Herrenzimmer" - umgeben von bis zur Decke reichenden Bücherregalen - Tee schlürfend in blutroten Sesseln sitzend und Mark Benecke erzählte energiegeladen und mit pointiertem Witz über seine Arbeit, die alles andere als alltäglich ist.
Herr Dr. Benecke, auf Ihrer Visitenkarte steht "internationale Kriminalbiologische Forschung & Beratung". Wie kommt man zu solche einer exotisch anmutenden Berufsbezeichnung?'
Das ist mehr eine Beschreibung meines Tätigkeitsfeldes. Ich forsche gemeinsam mit internationalen Teams an der Klärung kriminalbiologischer Fragen. Meine Auftraggeber sind die Polizei, das Gericht, Verteidiger und selten Privatleute.
Nun, alle kleinen Jungs wollen Lokführer oder Detektiv werden. In meinem Fall lässt sich der Detektiv anwenden. Wobei mich rein die Komponente des Forschens interessiert. Ich verfüge nicht über die soziale Kompetenz, nach Gerechtigkeit zu suchen - ich bin kein Ermittler oder Richter, sondern Tüftler. Was mich beschäftigt, sind die Sachbeweise, die ich im Labor erkunde. Als Biologe interessierten mich von jeher Insekten, Tintenfische und andere wirbellose Tiere. Das führte schließlich hin zu meiner Spezialisierung.
Sie sind einer von weltweit einem halben Dutzend Kriminalbiologen. Genauer gesagt, Sie sind spezialisiert auf "forensische Entomologie", das heißt gerichtsmedizinisch-kriminalistische Insektenkunde. Was genau sind Ihe Aufgaben?
Zumeist untersuche ich Faulleichen, deren Verwesung durch Maden und andere Lebewesen eingesetzt hat. Diese wirbellosen Tiere und deren Spuren sollen mir etwas zum Tathergang verraten. Das heißt, ich untersuche auch weitere Tatortspuren, etwa genetisches Material und auch beispielsweise die Form von Blutspritzern, denn sie geben Aufschluss auf den Bewegungsablauf einer blutenden Person vor dem Tod.
Wo üben Sie Ihre Arbeit aus?
Da ist zunächst die Fundortarbeit, sofern die Leiche noch da ist. Hier wird nach kleinsten Spuren gesucht. Dann kommt die Laborarbeit hinzu, manchmal auch nur reine Aktendurchsicht oder die Abgabe mündlicher Gutachten vor Gericht.
'Wenn Sie Opfer von Verbrechen untersuchen, denken Sie dann schon einmal über menschliche Schicksale nach oder interessieren Sie nur die Würmer und Maden?
Ich sagte bereits, dass ich über wenig soziale Kompetenz verfüge, sonst wäre ich wahrscheinlieh für meinen Beruf nicht geeignet. Ich bin ein rein naturwissenschaftlicher Typ und beschäftige mich mit der wissenschaftlichen Aufklärung von Mordfällen. Wenn ich mit Pratikantlnnen arbeite, erlebe ich schon einmal, dass die jungen Leute psychosoziale Aspekte hinterfragen. Dann kann die Arbeit bei ihnen zu seelischen Belastungen führen und es ist schon vorgekommen, dass Absolventen von Praktika sich anschließend gegen ihr ursprüngliche, Berufsziel entschieden haben.
Ein Fall, der ganz Deutschland bewegte, war der Mord an der Pastoren-Gattin Veronika Geier, 1997. Sie konnten entscheidend zur Urteilsfindung beitragen. Erzählen Sie uns bitte etwas über diesen Fall.
2. Bild von oben: Ein Ausflug in den Dschungel des Mekong-Deltas
3. Bild von oben: Dr. Benecke während einer Vorlesung auf den Philippinen
4. Bild von oben: Dr. Mark Benecke und der Leiter des rechtsmedizinischen Instituts in Singapore
Bleibt eine Ungewissheit - auch für Sie selbst bezüglich Ihrer entscheidungsfindenden Untersuchungen?
Ich befasse mich nur mit den Sachbeweisen. Der Richter oder die Ermittler entscheiden, was meine Stellungnahme für den untersuchten Fall bedeutet. Zu dieser Entscheidungsfindung habe ich keinen Bezug. Wenn ich merke, dass meine Untersuchungen weiter überprüft werden müssen, teile ich das sofort mit. Außerdem lasse ich viele meiner Befunde von Kollegen überprüfen.
Herr Dr. Benecke, Sie haben bereits viele Fachbücher geschrieben und sind der einzige Nichtengländer, der als unter 30-Jähriger zum Fellow der Königlichen "Linnean Society of London" gewählt wurde. Sie geben weltweit Kurse, halten Vorlesungen und sind als Kriminalbiologe international gefragt. Wie erlangt man in so jungen Jahren eine solch umfassende berufliche Reputation?
Das ist Zufall und ansonsten denke ich, ist der Grund total banal. Zunächst spreche ich problemlos englisch, was nicht für alle selbstverständlich ist. Und dann bin ich bereit in die unmöglichsten Länder zu gehen und an Orte, von denen Kollegen sagen "Ich bin doch nicht lebensmüde", ob in Saigon, in Manila oder Kolumbien - ich bin der einzige, dem es nichts ausmacht unter katastrophalen Bedingungen zu arbeiten. Ich habe in Vietnam und auf den Philippinen modernste DNA-Labors aufgebaut, mit unendlich langer Vorbereitungszeit. Als ich dort ankam, fand ich nichts vor - jegliche Vorbereitung war für die Katz', Warum? Alles lag beim Zoll - Bakschisch war das Losungswort. Doch das Problem ließ sich dann mittels hoher staatlicher Würdenträger lösen.
Sie sind Mitherausgeber einer Zeitschrift, in der sich der schräge Humor erfoIgreicher Forscher austobt - was ist für Sie Humor und wie stehen Sie zu Geld und Karriere?
Humor ist für mich, wenn man über sich selbst lachen kann. Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen. Das sehe ich auch so in Bezug auf Geld und Karriere. Ich bearbeite die schrägsten Fälle, der Staat fördert meine Arbeit nicht, denn es fällt ja nicht auf, wenn sie nicht gemacht wird. Geld gibt es herzlich wenig - aber ich beschwere mich nicht, denn ich bin frei! Und internationale Kontakte sind mir mehr wert als Geld, ich bringe durch meine weltweiten Kontakte Menschen aus verschiedenen Wertesystemen zusammen, die plötzlich feststellen, dass sie grenz- und kulturüberschreitend die gleichen Interessen haben. Auf Kongressen entstehen so faszinierende Kooperationsprojekte. Das hat für mich allerdings alles nichts mit Begriffe wie "Karriere" zu tun. Aber um noch einmal auf die von Ihnen angesprochene Zeitschrift zurückzukommen: Wir treiben es auch noch auf die Spitze und verleihen jedes Jahr in Harvard Spaßnobelpreise. Dafür steht uns das ehrwürdige Sander's Theatre zur Verfügung.
Wenn Sie nicht gerade in Maden und Speckkäfern schwelgen, was tun Sie sonst gerne?
Erzählen Sie uns lhr skurrilstes Erlebnis?
Hmm. Das ist ein relativ aktueller Fall. Letzten Juli trafen sich in Brandenburg 5.000 Motorradrocker. Die örtliche Polizei war überfordert und bat das Land Baden-Württemberg um Unterstützung. Die Polizisten wurden im Feldeinsatz aus der Polizei-Kantine versorgt und die Wessis nörgelten ständig über das schlechte Essen. Die Brandenburger zeigten Herz und wollten den westlichen Kollegen am letzten Tag ihres Einsätze, etwas besonders Gutes servieren. Die Polizei-Kantine wurde gestrichen und der örtliche Metzger beauftragt Soljanka zu kochen - ein aus DDRZeiten äußerst beliebtes Eintopf-Gericht. Das Essen wurde serviert, die Baden-Württemberger rümpften die Nase und zu allem Überfluss fanden sich auf dem Suppenlöffel eines Wessi-Polizisten zwei angebliche Maden! Der Fall eskalierte, ging durch die Presse und schlussendlich wollte das Land Baden-Württemberg das Land Brandenburg wegen Körperverletzung verklagen. Der "Maden-Doktor" musste her und siehe da, die Sache entpuppte sich als böser Scherz, denn die "Maden" waren wohl von einem Strauch abgenommene Schmetterlingslarven. Fazit: Die Sache löste sich in Wohlgefallen auf.
Herr Dr. Benecke, wie sieht Ihre "Traumleiche" aus?
Schön ist es, wenn die Leiche noch am Fundort liegt und die Tierchen alle noch da sind.
Und was sind Ihre persönlichen Träume?
Das kann ich nicht beantworten, ich habe keine.
Ihr Verhältnis zum Tod?
Gar keines. Es ist der Kreislauf des Lebens. Aus allem entsteht wieder etwas. Ich kann als Individuum den Tod akzeptieren, denn ich bin nicht wirklich wichtig. Der Tod ist programmiert und das hat einen guten biologischen Grund: Genetische Neukombinationen sind ohne den Tod nicht möglich. Das geht nur über Sexualität, denn aus eigenem genetischen MateriaI sind keine genetischen Neukombinationen machbar. Die sind aber unverzichtbar für die Anpassung des Lebens an die Umwelt. AIso sind Nach kommen unabdingbar und für die muss Platz gemacht werden. DeshaIb müssen wir sterben, zur Erhaltung der Art.
Sind Sie gläubig?
Ich verfahre nach dem Motto 'Jeck Löß Jeck Elans'.
Wo möchten Sie gerne leben?
Hier in Köln. Deshalb bin ich aus den Staaten zurück gekehrt. Zum einen wegen der Toleranz der Menschen, zum anderen weil Köln bundes- und europaweit über die besten Verkehrsanbindungen verfügt.
Ihr Berufsethos oder Motto?
Die Wahrheitsfindung ist mein Leitbild. Man muss den Stern haben, der in der Ferne funkelt, auch wenn man ihn nicht erreichen kann. Glaube, Liebe, Hoffnung, sind Werte, die zählen. <br<
Lieber Herr Dr. Benecke, vielen Dankfür dieses aufschlussreiche Gespräch. Auch wenn Sie anscheinend wunschlos glücklich sind, wünsche Ich Ihnen dennoch, dass Träume - sofern sie sich einstellen - In Erfüllung gehen. Zum Beiplel die Erreichung Ihres Zieles, die kriminalbiologisehe Forschung hierzulande weitervoranzutreiben und die dafür benötigten Mittel zu erhalten. '

