2001-09-03 Generalanzeiger: Punks mit Biosaft und der Traum vom Glück

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Punks mit Biosaft und der Traum vom Glück

Der "Junge Dokumentarfilm" geht beim SWR in eine neue Staffel mit vier Folgen. Filmemacherinnen beschäftigen sich mit den verschiedenen Lebenswegen ungewöhnlicher Menschen

Von Bibiana Holzhey

Quelle: Generalanzeiger, Bonn, 3. September 2001, Seite 34

"Aus dem Leben des Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke und einer Fliege" - so nennt Filmemacherin Sandra Hacker ihr Porträt des Kölner Wissenschaftlers, das heute als Auftakt der Reihe "Junger Dokumentarfilm" im Südwestrundfunk (SWR) ausgestrahlt wird. Jeweils montags um 22.45 Uhr laufen vier Dokumentationen, die in Zusammenarbeit mit der Ludwigsburger Filmakademie und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg entstanden sind.

Der "Madendoktor" Mark Benecke ist Kriminalbiologe, sein Spezialgebiet sind leichenbesiedelnde Insekten. Ihm gelingt es immer wieder, aussichtslos erscheinende Kriminalfälle zu lösen. Von Alter, Art und Populationsdichte von im Leichnam siedelnden Insektenlarven kann er den Todeszeitpunkt eines Menschen auch dann noch bestimmen, wenn alle anderen Methoden versagt haben.

Das klingt ziemlich eklig, doch Hackers Film ist das ganz und gar nicht. Das liegt zum einen am Hauptdarsteller selbst. Benecke gelingt es nämlich mit seiner humorvollen und offenen Art, die schwierige Materie seines Fachs einfach zu erklären. Zum anderen liegt es an der Herangehensweise der Autorin an ihren Film. Neben Benecke beobachtet sie mikroskopisch genau einen zweiten Hauptdarsteller: eine Stubenfliege. Und das sind faszinierende Bilder.

Beobachtungen ganz anderer Art stellt Vera Vogt in ihrem Film "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" an, der am 10. September gesendet wird. Sie begegnet vier Freunden aus ihrer Jugendzeit, als sie die Nächte "mit Punkrock, billigem Bier und Biosaft" durchgemacht hatten. Jan (29) ist mit seiner Band Tocotronic erfolgreich und in der Musikszene ein Star. Mit Punkmusik will er nichts mehr zu tun haben. Claus (33) dagegen arbeitet in einer Brauerei und hat seinen Spaß an Nachtleben und Underground nicht verloren. Detlef möchte seine Punkvergangenheit am liebsten verdrängen, denn er führt heute ein recht bürgerliches Leben. In den USA ist der 28-Jährige durch Aktien einer Internetfirma zu Geld gekommen, hat geheiratet und ein Haus gekauft. Nur für Buffo (33) ist Punk auch heute noch eine konsequente Geisteshaltung. Er hat noch nie gearbeitet und hält sich mit kleinen Plattendeals über Wasser.

Neben dem Nachspüren der Vergangenheit der Freunde beschäftigt sich Vera Vogts Film auch mit der Frage nach dem Glück, dem Verlust von Utopien und dem Versuch, die Jugend festzuhalten. Um den Traum vom Glück einer ganz anderen Art geht es in Nie Nagels Film "Hands Up!", der am 17. September zu sehen ist. Er handelt von "Hands", also den Männern, ohne die kein Konzert, keine Festspiele, keine Ausstellung zustande käme. Sie sind ungelernte Alleskönner, die die Bühne zusammenmontieren, Stühle aufstellen und kilometerlange Kabel verlegen.

Beobachtet hat die Filmemacherin die Kulturarbeiter hinter den Kulissen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Nicht, dass diese harten Typen begeisterte Fans klassischer Musik wären. Vielmehr sind die meisten selbst Musiker, deren Traum vom Rockstar aber ausgeträumt ist. Also bleiben sie auf diese Weise dem Metier treu.

Den Abschluss der Reihe am 24. September bildet "Der Wind ist aus Luft" von Marina Kern. Auch hier dreht sich alles um die Frage nach dem Glücklichsein. Gezeigt werden Antwortmöglichkeiten durch die Gefühle verschiedener Menschen und ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe.

(c) Bibiana Holzhey/Generalanzeiger (Bonn).


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