2001-06-26 SZ: Bigfoot auf Asiatisch

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Bigfoot auf Asiatisch -- Der Affenmann von Delhi (Süddeutsche Zeitung, Juni 2001)


Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 144/2001, 26. Juni 2001, Wissenschaftsteil, Seite V2/11

Bigfoot auf Asiatisch

Wie zottelige Affenmänner immer wieder auferstehen und zuletzt in Indien gar eine Massenhysterie auslösten

Von Mark Benecke

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Click to enlarge Normalerweise sind es kleinere Tiere oder winzige Teilchen, die den Kriminalbiologen auf eine neue Spur bringen. Diesmal jedoch begann der Fall mit einem Wesen, das groß, blitzschnell und zuletzt auch sehr bösartig war.

"Wegen der großen Hitze schlief ich auf dem Flachdach meines Hauses. Plötzlich ein Schatten, dann spürte ich den Schmerz in meinem Arm, sah ein Ungeheuer weglaufen", berichtete der 19-jährige Vinard Kumar Yadav stilsicher in Bild vom 17. Mai 2001.

Zu diesem Zeitpunkt tobte das Wesen schon in der achten Woche durch Indien. Der Terror hatte am Stadtrand von Neu-Delhi begonnen, wo laut Polizeibericht "ein Affe oder ein Mann mit Affenmaske" die Menschen biss und kratzte. "Komisch, dass keines der Opfer an Tollwut erkrankt", erklärten die Behörden da noch misstrauisch, "das passiert doch sonst immer."

Ende April hatten die Bewohner von Kela Bhatta eine Kreatur mit Schüssen vertrieben, in der folgenden Nacht erschien sie drei Arbeitern in Anand Vihar. "Das Geschöpf wollte uns töten", sagten die verschreckten Männer der indischen Presse. Am 10. Mai schaute dann erstmals jemand dem Störenfried ins Gesicht. Die Großmutter des gerade volljährigen Vineet Sharma sah das "einen Meter vierzig große Geschöpf, das aussieht wie ein Schatten mit Affengesicht. Außerdem hat es rot glühende Augen."

Wie die Auferstehung Jesu

Die Tatsache, dass in der Folgezeit manchmal zwei Affenmänner, dann wieder eine "wie eine Mumie weiß bandagierte Gestalt" und schließlich sogar ein zu Tode erschreckter Dieb mit Affenmaske ("Ich habe niemanden verletzt") gefunden wurden, stiftete zunächst keinen Unfrieden. Die ersten Todesopfer des Monkey Man waren indischen Zeitungen zufolge ein Eisenbahner und ein Obdachloser, die allerdings Hunderte von Kilometern voneinander entfernt gefunden wurden und beide schwere Schädelverletzungen trugen. Zeugen hatten jeweils "einen Schatten" in der Nähe gesehen.

Sogar in der seriösen Times of India schwankte die Bewertung der Ereignisse anfangs. Fragen der britischen Sun wies das Blatt patzig mit der Bemerkung zurück, jeder Dritte in England glaube schließlich auch an die Auferstehung Jesu. "Ob Maskenmann oder Affe, eine Bedrohung ist es allemal", grummelte die Zeitung. Als das Tier dann aber nachts Metallklauen schwingend auf einem Skateboard gesichtet wurde, schlug erstmals auch in Indien die Stunde von skeptischen Aufklärern, die öffentlich zur Vernunft riefen. Auch der Leiter des Zoologischen Gartens in Neu-Delhi erläuterte, dass ein Affe der gesichteten Art im gesamten Umkreis nicht existieren könne.

Der Polizei hatte es bereits am 19. Mai gereicht. Seit diesem Tag nahm sie Menschen, die unbegründete Affenmann-Sichtungen meldeten, einfach fest. Unschön war, dass das zuletzt sechs Meter große Monster noch mehrere Verkehrsunfälle verursachte und bis zum 15.Juni über hundert Verletzte auf die Polizeiwachen hetzte. Seither ist Ruhe in Delhi.

Rechtzeitig vorher aber belegten neben Bild auch deutsche TV- Stationen ihre Affenmann-Berichte mit optischen Aufpeppern. So kramte eine gutmütige Archivarin bei einem deutschen Privatsender ein Filmchen heraus, das einen trampelnden Zottel zeigte. Dass die dazu gehörende Nachricht vom 24. Mai 1993 stammte und ein in den USA gesichtetes Wesen namens Bigfoot behandelte, war dabei egal: Es ging ja nur ums äffische Prinzip. Der rasch recycelte Volks-Schreck schaffte es somit nach acht Jahren noch einmal in die Nachrichten, diesmal jedoch als indischer Monkey Man. Bilds Illustration ("Das erste Foto des mysteriösen Affenmenschen, der Neu-Delhi in Panik versetzt") wiederum hat frappierende Ähnlichkeit mit einer Zeichnung, die schon viele Jahre auf dem pelzigen Buckel hat.

Immer mit glühenden Augen

Im Rahmen seiner Bemühungen schaltete der Privatsender dann doch einen skeptischen Kriminalbiologen ein, der darauf hinweisen durfte, dass die Verletzungen der angeblichen Opfer kein bisschen wie typische Affenbisse oder - kratzer aussahen. Und bald drängten die weiterhin eintrudelnden Affen- Meldungen zu dem Schluss, dass der asiatische Unmensch nicht nur zur Wiederauferstehung von Bildern führte, sondern auch zum Wiederbeleben eines alten Verdachts: In indischen Zeitungen wurde nämlich mittlerweile gemutmaßt, bei dem immer größer werdenden Gorilla-Mann handle es sich in Wahrheit um einen verkleideten Spion.

Tatsächlich findet sich in staubigen Bücherbergen eine ähnliche Geschichte: Vor Jahren schon hatte der sowjetische Oberstleutnant Karapetjan erzählt, dass er im Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Buinaksk einen Affenmenschen untersucht habe.

Sein Auftrag: festzustellen, ob die Kreatur ein "verkleideter Spion" sei. "Es war zweifelsfrei ein Mensch", soll der Offizier gesagt haben, "er stand vor mir wie ein Riese und reckte mir seine mächtige Brust entgegen. Ein wilder Mensch einer unbekannten Art."

Dass in diesem Fall die Weltpolitik das Bewusstsein der Auftraggeber geformt hatte, scheint offensichtlich. In der Sowjetunion wurden Affenmänner sogar schon lange vorher regelmäßig gesichtet, und auch der uns bekannte Yeti gehört zu ihnen. Während dieses weiße Wesen als Sagengestalt durch den Himalaja streicht, finden sich seine Verwandten im Faltengebirge, das von Turkestan bis nach China reicht. Auch aus dem Altaigebirge und der südlichen Mongolei wird von Affenmännern berichtet, und so erklärt es sich auch, dass die Berggeschöpfe unter Dutzenden von Namen, besonders aber als mongolische "Alma" bekannt sind. Stets sollen sie groß und breitschultrig gewesen sein - und immer mit glühenden Augen.

Nur im skeptischen Europa hat noch niemand einen Affenmenschen gesehen. Das mag daran liegen, dass die Kenntnis echter Affen die Hysterie gehörig anzuheizen vermag. Während der Monkey Man aus Neu-Delhi seinen kurzen Zug durch die Weltpresse machte, schossen nämlich zeitgleich Polizisten Affenhorden ab, die friedlich auf Bäumen hockten; auch wurden die neuesten Prämien für den Fang streunender Affen durchgegeben (von 100 Rupien (legal) bis zu 400 Rupien (illegal)), und der Zoo von Kampur brachte sich in die Schlagzeilen, indem er einen "Gruppenkrach in einer Affenhorde" beschrieb. In einem Land, in dem Affen immer wieder Zeitungen füllen und in dem noch reichlich Platz für ländlichen Aberglauben und wirklich wilde Tiere ist, lässt sich daher eine Yeti-Panik leicht anfachen.

Haare am Zedernbaum

Belege für die Existenz des Unholds konnte denn auch niemand in Neu-Delhi liefern. Auch zwei Universitätsprofessoren in der Mongolei und Russland, die ob des tief sitzenden Alma-Glaubens in ihrem Land noch bis Ende der 70er-Jahre akribisch Hinweise auf die Tiermenschen sammelten, blieben erfolglos. Aufsehen erregten immer nur findige Entdecker, die es sich leichtermachten: So proklamierte der amerikanische Anthropologe John Napier in den 80er-Jahren auf Grund von purem Nachdenken, dass zumindest die US-Variante des Affenmenschen (Bigfoot) ein letzter Gigantopithecus sein könnte - ein mehr als gorillagroßer asiatischer Vormensch, der eigentlich vor 500000 Jahren ausgestorben sein soll.

Mit naturwissenschaftlichen Lebenszeichen vom US-Kollegen Bigfoot wartete kürzlich scheinbar eine Gruppe begeisterter Yeti-Sucher auf: Wie die Zeitschrift New Scientist im April berichtete, hat die Expedition um den Zoologen Robert McCall Haare und Kratzspuren des amerikanischen Affen-Wesens gefunden - unpassenderweise allerdings an einem Zedernbaum im fernen Bhutan. "Wir konnten daraus DNS extrahieren", berichtete der ebenso bekannte wie umstrittene Oxforder Molekularbiologe Bryan Sykes, "aber sie gleicht nicht der von einem anderen Lebewesen, das wir kennen." So etwas sei ihm noch nie passiert. Die flinke Schlussfolgerung der Expedition: Die Haare stammen vom lange gesuchten Bigfoot, der Einheimischen zufolge in der Gegend haust.

Bis heute lieferten somit weder phantasiebegabte US-Anthropologen noch sowjetische Alma-Forscher oder Freizeit-Yetiisten einen stichhaltigen Beweis für die Existenz eines haarigen Affenmenschen, der sich als letzter Überlebender seiner Art irgendwo abseits der Zivilisation verbirgt (was zumindest nicht auszuschließen wäre).

Dabei hätte die Sache mit den pelzigen Männern für Fans längst geklärt sein können - würde ihr Forscherdrang nicht immer wieder behindert. So wollte der US-Anthropologe Oliver Krantz schon in den 1980er Jahren den brachialexperimentellen Beweis antreten und streifte mit einem Jagdgewehr des Kalibers 458 durch die Wildnis, um Bigfoot zu stellen. Doch damit zog er sich mehr Ärger als Sympathie zu, denn Jane Goodall, Expertin für und Freundin von Affen, wurde sogleich mit den Worten zitiert, dass es "unmoralisch" sei, "ein Wesen nur deshalb zu erschießen, um herauszubekommen, was es ist. So etwas tut ein guter Forscher nicht."

Dr. Mark Benecke arbeitet als Kriminalbiologe. Er ist Mitglied im Wissenschaftsrat der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (angeblich paranormaler Phänomene) (GWUP).

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Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Emergency Text / SMS for crime cases only +49-173-287-3136. Absolutely no social networks & newsletters. Never send .doc, .ppt, .xml -- .rtf and .pdf only. Tx!
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