2000-03-27 Der Spiegel: Körperkult: Freiwillig ins Folterstudio
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Quelle: Der Spiegel
Nr. 13/2000, 27. März 2000
Seite 298-300
Körperkult: Freiwillig ins Folterstudio
Source: SPIEGEL Nr. 13 (27. März 2000), Seite 298-300
Sie lassen sich die Zunge spalten,
Hautsreifen vom Leib ziehen oder Narben ins Fleisch brennen: Anhänger
der "Body Modification" eifern mit ihren Ritualen den Naturvölkern nach.
Mediziner und Psychologen streiten darüber, ob die Selbstverstümmler
psychisch Kranke sind.
von Günther Stockinger
Voluntarily into the Torture Studio
Body cult: They have their tongues
split, removed strips of their skin or burn scars
into their flesh: "Body Modification" fans imitate the rituals
of primitive tribes. Doctors and psychologists
argue as to whether the self-mutilators are mentally ill. Interest in
body modification has increased sharply in
the youth sub-culture of the USA over the
past five years. The deliberately self-inflicted wounds have little in
common with tattoos or piercing.
Die New Yorker Soziologin entschloss sich zu einer radikalen Veränderung
ihres Körpers. Gegen Barzahlung fand sie im Multikulti-Viertel East
Village einen niedergelassenen Chirurgen, der ihr die Zunge mit dem Laser-Skalpell
vier bis fünf Zentimeter tief spaltete. Der Eingriff musste im Abstand
von mehreren Monaten zweimal wiederholt werden, weil die Zunge von der Basis
her immer wieder zuwuchs.
Seit der dritten, unter Lokalanästhesie vorgenommenen Schneide-Prozedur
gehört die New Yorkerin zum exklusiven Kreis der Amerikaner, die mit
gespaltener Zunge sprechen. Da die beiden Organhälften vom Gehirn offenbar
unabhängig voneinander gesteuert werden, kann die Soziologin die Zungenspitzen
horizontal und vertikal gegeneinander verschieben und mit ihnen sogar einfache
Greifaufgaben bewältigen - etwa die Zigarette halten.
Mit Verstümmelungen am eigenen Körper ist die 29-Jährige
mittlerweile zu einer bekannten Figur in der US-Szene der „Body Modification"-Anhänger
(„Bodmods") geworden. Unter anderem lässt sie sich bei „Sessions" mit
ihren Freunden an Bauch und Rücken bis zu 150 Injektionsnadeln quer
unter die Haut schieben. Ebenso erträgt sie stundenlange Häutungen,
bei denen fingerbreite Hautstreifen ohne Betäubung entfernt und hässliche
Narbenwülste erzeugt werden.
In der jugendlichen Subkultur der USA hat das Interesse an Body Modification
in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen. Über „Conventions"
und „Netzwerke" breitet sich der Trend derzeit „bis ins letzte Kaff" aus,
berichtet der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke,
der den bislang vor allem in Amerika grassierenden Verstümmelungskult
wissenschaftlich zu ergründen versucht.
Mit Tätowierungen und Piercings haben die planvollen Selbstverletzungen
nicht mehr viel gemein. In vielen Bodmod-Studios hängt der Geruch von
verbranntem Fleisch in der Luft, weil selbst ernannte Folterknechte die
Körper ihrer Klienten mit rot glühenden Eisen traktieren („Branding").
Extreme Gewebedehnungen („Stretchings") und Genitalpiercings zeichnen Bodmod-Anhänger
bis an ihr Lebensende. Gewebeschnitte („Cuttings"), bei denen die Wunden
häufig mit Mineralpulver oder Meersalz eingerieben und wiederholt nachgeschnitten
werden, um die Narbenbildung zu verstärken, zaubern bleibende Versehrungen
auf die Haut. „Es scheint ein Bedürfnis nach bizarren Körperritualen
zu geben", erklärt der Kriminalbiologe, „das in unserer Gesellschaft
nicht gestillt wird."
Vieles wird auf Video festgehalten, weil die blutigen Akte nicht beliebig
wiederholbar sind. Anders als an der amerikanischen Ostküste finden
die Selbstverstümmelungen in den Metropolen im Westen oft als rituelle
„Sessions" und „Performances" vor handverlesenem Publikum statt.
Die Kontrolle über den Schmerz ist den Folter-Fans wichtiger als ein
möglicher sexueller Reiz. „Mit Sadomasochismus", erläutert Benecke,
„haben die meisten in der Szene nichts am Hut." Europäische Betrachter
reagieren auf die Verstümmelungspraktiken geschockt. Über ein
Jahr lang hat Benecke am Rechtsmedizinischen Institut der Stadt New York
gearbeitet. In seiner Freizeit interviewte er Anhänger des Bodmod-Kults.
Als er das Ergebnis seiner Recherchen kürzlich auf einer Tagung deutscher
Rechtsmediziner in Frankfurt am Main präsentierte, waren selbst abgebrühte
Obduktionsexperten über die gezeigten Bilder bestürzt.
Beim Kongress anwesende forensische Psychiater murmelten angesichts der
Verstümmelungen ratlos von „Borderline-Persönlichkeiten". Sind
die Selbstverstümmler also nur psychisch Kranke? Dann müssten Persönlichkeitsstörungen
bei Urvölkem die Regel sein. Denn die Gewohnheit, den menschlichen
Körper als Mal-, Brand- und Schneidegrund zu betrachten, ist fast so
alt wie der Mensch selbst. Auf ägyptischen Mumien etwa haben Archäologen
Spuren von Tätowierungen, Schmucknarben und Nabelpiercings entdeckt.
Die mittelamerikanischen Mayas durchbohrten bei rituellen Feiern Penis oder
Zunge. Die noch weichen Schädelknochen ihrer Säuglinge und Kleinkinder
wurden dem herrschenden Schönheitsideal entsprechend verformt. Nordamerikanische
Indianer baumelten beim "Sonnentanz", der so genannten 0-Kee-Pa-Zeremonie,
an Fleischerhaken, die sie sich durch Brusthaut und -muskeln trieben. Extreme
Gewebedehnungen sind noch heute in vielen afrikanischen Kulturen weit verbreitet.
Narbenmuster auf der Haut signalisieren Stammeszugehörigkeit, sozialen
Rang, durchlaufene Lebensstadien oder die Intaktheit des Immunsystems. „Wir
alle machen etwas mit unserem Körper", sagt Enid Schildkrout, Anthropologe
am Amerikanischen Museum für Naturgeschichte in New York, „um anderen
zu zeigen, wer wir sind - selbst wenn wir uns nur die Haare kämmen."
Verstümmelungstraditionen sind aber beileibe nicht auf entlegene Regionen
und vergangene Kulturen beschränkt. Auch Mitglieder schlagender Verbindungen
sind stolz darauf, sich durch die Mensur prachtvolle Narben zuzufügen.
Bis heute steht der Schmiss in bestimmten Kreisen für Maskulinität,
Unerschrockenheit und gehobenen sozialen Status. Früher waren viele
Frauen ganz wild auf die Narbenträger: „Ein Renommier-Schmiss zeigte",
so der US-Historiker Kevin McAleer, „dass sein Träger Mut und Ausbildung
besitzt - und damit ein guter Bräutigam ist." Einige der Männerbündler
tauchen gelegentlich noch heute bei plastischen Chirurgen auf, um sich ihre
Narben kunstvoll nachbessern zu lassen. Auch das Nipple-Piercing ist ein
alter Brauch, den vermutlich schon die Offiziere der römischen Legionen
praktizierten.
Ende des 19. Jahrhunderts tauchte die delikate Mode in der mitteleuropäischen
Damenwelt auf. In vielen Dekolletes wogte nicht nur der Busen, sondern auch
das zwischen den Brustwarzen baumelnde Kettchen. Nur spekulieren lässt
sich, weshalb solche Bodmod-Praktiken gegenwärtig eine Renaissance erleben.
Vielen Szene-Anhängern, vermutet Benecke, fehlt die Nähe zum eigenen
Körper. Auf dem Umweg über die schmerzhaften Prozeduren und die
bleibenden Narben versuchen sie, die Leere zu füllen.
Etliche von ihnen sind Singles. Durch die Zugehörigkeit zur Body-Modification
schaffen sie sich eine Ersatzfamüie. Für andere wird der Endorphinrausch
zur Droge, die bei stundenlangen Sessions konsumiert werden muss: „Der Schmerz",
berichtet eine amerikanische Bodmod-Anhängerin über die angeblich
bewusstseinserweitende Erfahrung, „ist wie das High bei einem Läufer."
Teile der Szene verstehen sich überdies als „moderne Primitive". Sie
sind auf der Suche nach verschütteten stammesgeschichtlichen Wurzeln.
Wenn sie ihre Körper, wie beispielsweise bei der noch immer praktizierten
indianischen 0-Kee-Pa-Zeremonie, malträtieren, glauben sie, wieder
an Urgefühle anknöpfen zu können, die in den modernen westlichen
Gesellschaften verloren gegangen seien.
Unter Psychologen ist die Ursache des Tobens im eigenen Fleisch umstritten.
Manche von ihnen, wie der Psychiater Armando Favazza von der University
of Missouri, Verfasser eines einschlägigen Standardwerks über
den Graubereich zwischen Körperkunst und pathologischer Selbstverstümmelung,
attestieren dem Treiben der Bodmod-Jünger sogar gelegentlichen therapeutischen
Nutzen. Der Psychiater berichtet von Frauen, die nach einer Vergewaltigung
das Piercing-Studio aufgesucht haben: „Indem sie sich körperlich zeichnen
ließen", so Favazza, „reklamierten sie ihre Körper für sich
zurück. Die qualvolle Prozedur vermittelte ihnen ein Gefühl der
Kontrolle."
Die britische Psychologin Dorothy Rowe hingegen hält solche kühnen
Erklärungsversuche für „krank machenden Mist". Ahnlich empfindet
es die Kollegin Corinne Sweet: „Wenn Schmerz zu einem Vergnügen wird
und wir nicht vor ihm weglaufen", urteilt die Expertin, „dann liegt das daran,
dass wir ihm in unserem früheren Leben ausgesetzt waren und lernen
müssten, ihn auszuhalten." Die meisten Mediziner warnen vor den Zeitgeist-Folterkünsten.
US-Experten für plastische Chirurgie sehen nach Materialimplantationen
unter die Haut immer häufiger gefährliche Infektionen, die zum
Verlust ganzer Gliedmaßen führen können. Auch durch den künstlich
hinausgezögerten Heilungsprozess beim Cutting wächst die Gefahr,
dass Erreger in den Körper eindringen und dort für bleibende Schäden
sorgen. „Das gleiche", warnt der US-Dermatologe Dave Eilers von der Loyola
University, „gilt für Verbrennungen."
„Es dürfte schwierig sein zu entscheiden", meint Benecke, „ob Body Modification Selbsttherapie ist
oder krankhaftes Verhalten." Zumindest einige der Bodmod-Jünger, glaubt
der Forscher, neigten auf Grund traumatischer Erlebnisse in der Kindheit
zu den schmerzhaften Körperpraktiken. Selbst für die Abgebrühtesten
gibt es aber offenbar eine Ekel-Grenze. Als der Kölner Experte für
biologische Tatortspuren, ein Spezialist für Faulleichen und die an ihnen schmarotzenden fetten gelblichen Maden,
einige Selbstverstümmeler ins Leichenschauhaus der New Yorker Rechtsmedizin
lud, waren selbst die coolsten unter ihnen auf einmal verdächtig still.
„Am Ende des Besuchs", berichtet Benecke, „hielten sie mich für freakiger
als sich selbst."
Bilder (nur im Original):
-- Indianerfrau mit Körperschmuck* Symbole für den sozialen Stand, * Oben: in einem New Yorker „Body Shop"; unten: in Venezuela.
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