1996 Kriminalistik: Forensische Zoologie
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Forensische Zoologie
Fliegen, Algen und Schnecken als Hilfsmittel und Gegenstand kriminalistischer und gerichtsmedizinischer Untersuchungen
Von Mark BeneckeAus: Kriminalistik 50, pp. 55-57, 1996
Unklare Todesursachen zu entschlüsseln ist oft ebenso schwierig wie die exakte Feststellung der Liegezeit einer Leiche. Gleichwohl ist beides sowohl für den Kriminalisten als auch den gerichtsmedizinischen Forscher von größtem Interesse. Ganz verschiedene biologische Teilgebieten können bei der Aufklärung dieser und weiterer Fragen wertvolle Hilfestellungen geben; Polizeibeamte, Rechtsmediziner und Biologen arbeiten in solchen Fällen Hand in Hand. Der folgende Beitrag schildert die faszinierenden Möglichkeiten der immer häufiger eingesetzten Untersuchungsmethoden.
1. Fliegen und Käfer
Leichen, besonders solche, die im Freien liegen, werden nach und nach von bestimmten Insektenarten besiedelt. Die Zusammensetzung der Tiergruppen sowie deren Alter und Größe sind typisch für ein bestimmtes Stadium des körperlichen Zerfalls, da jede Tierart zu einer ganz bestimmten Zeit auf der Leiche lebt und diese danach verläßt. Sammelt man die Tiere am Fundort ein und untersucht sie, so kann daraus mit großer Sicherheit die Liegezeit einer Leiche abgeleitet werden. Diese Arbeit wird heute weltweit von nur einer Handvoll Biologen in Nordeuropa und -amerika (dort besonders in Hawaii) durchgeführt.
Um sinnvolle forensische Rückschlüsse aus den Tierpopulationen ziehen zu können, muß neben der zoologischen Artbestimmung auch eine genaue Analyse der ökologischen Randbedingungen, vor allem der Umgebungstemperatur, stattfinden. Das Paarungsverhalten der erwachsenen Tiere (=Fliegen) und das Freß- und Verpuppungsverhalten der Jungtiere (=Larven) wird ebenfalls berücksichtigt.
Ein Fall
Ein einfaches Fallbeispiel soll das Vorgehen bei einer zoologischen Untersuchung verdeutlichen. Am 16. August 1987 wurde in einem Eichen-Kiefer-Mischwald in Südkarolina ein verstreutes menschliches Skelett gefunden. Um Aufschluß über die postmortale Liegezeit zu erlangen, bat der Beauftragte des amerikanischen Gerichtes (der Coroner) um eine insektenkundliche (entomologische) Analyse der Leiche am Tatort. Der zugezogene Forscher fand auf den Überresten des Toten vorwiegend unverpuppte Larven der Schwarzen Soldatenfliege (Hermetia illucens L.). Die Tiere wurden eingesammelt und im Labor in einer kleinen Plastikdose aufgezogen. Dort verpuppten sie sich und am 17. September, also vier Wochen nach dem Aufsammeln, schlüpften die ersten Fliegen aus. In der Zwischenzeit hatte eine dem Tatort nahegelegene Wetterstation errechnet, daß die mittlere Außentemperatur in der fraglichen Zeit 21,7°C betragen hatte. Eine Soldatenfliege benötigt bei dieser Temperatur recht genau 52 Tage, um sich vom Ei zum schlüpfenden Tier zu entwickeln. Die Eier hatten demnach 52 minus 30 ist gleich 22 Tage auf dem verfallenden Körper verbracht. Es ist bekannt, daß die Elternfliegen ihre Eier frühestens 20 und spätestens 30 Tage nach Eintritt des Todes auf eine Leiche ablegen. Man errechnete daraus, daß der Tod zwischen 42 und 52 Tage vor dem Fund des Skelettes eingetreten war.
In diesem Fall genügte eine einzelne Fliegenart, um den - später als richtig gefundenen - Todeszeitpunkt der Leiche zu ermitteln. In anderen Fällen, besonders bei kürzeren Leichenliegezeiten, gibt erst das gesamte Spektrum aller Fliegen- und Käferarten Aufschluß über den Todeszeitpunkt. Ist der Tod mehr als drei Monate vergangen, so kann nur noch eine Mindestliegezeit angegeben werden.
Madenwanderung
Erwachsene Fliegen legen ihre Eier nicht nur auf frei exponierte Körper ab. Daher können auch begrabene Körper entomologisch untersucht werden. So setzt eine bestimmte Buckelfliegen-Art ihre Eier auf das Erdreich über verscharrten Leichen. Die daraus schlüpfenden Larven kriechen bis zu einem halben Meter in die Erde, um an die Eiweißquelle - die Leiche - zu gelangen.
Die öfters an exhumierten Leichen zu sehenden Maden sind allerdings meist nicht die Jungtiere von Buckelfliegen, sondern eher von solchen Fliegen, die am Sterbeort (also nicht an der Grabstelle) ihre Eier auf die Leiche abgelegt haben.
Insektenkundler klären auch Fälle auf, in denen Leichen nur indirekt eine Rolle spielen. So entließ ein hoher finnischer Staatsbeamter seine Büroraumpflegerin, als er unter dem (Plastik)teppich zahlreiche Maden - d.h. Insektenlarven - entdeckte. Die Reinigungskraft bestand darauf, täglich gründlich geputzt zu haben. Ein im gleichen Gebäude arbeitender Tierarzt sandte die Maden aus purer Neugier (und weil er nicht glauben konnte, daß die Maden sich von Plastik ernähren könnten) an einen Entomologen. Dieser fand heraus, daß es sich bei den Maden um eine Art junger Schmeißfliegen handelte, die dafür bekannt ist, vor der Verpuppung vom Kadaver wegzuwandern. Offenbar waren die Tiere auf einer toten Maus oder Taube in einem Lüftungsschacht herangewachsen und nun auf der Suche nach einem geeigneten Verpuppungsplatz. Die Raumpflegerin wurde daraufhin wieder eingestellt.
Insekten als Spuren
Insekten kommen überall vor und setzen sich überall fest, z.B. in Kleidung und Haaren. Dies machen sich Kriminalisten zunutze. Insektenarten, die für einen bestimmten Lebensraum typisch sind, werden häufig mitsamt eines Verbrechensopfers oder eines Täters an einen für die Tiere untypischen Ort verschleppt. Auf diese Weise wurde schon mehrfach geklärt, daß ein Beweisstück von einem Ort zum anderen bewegt wurde.
Die Artbestimmung - vor allem der Fliegen - kann heute mittels einfacher Bestimmungsschlüssel erfolgen, die leicht zu handhaben und zu erlernen sind. Rasterelektronenmikroskopische Photos und "genetische Fingerabdrücke" (DNS-Typisierung) kommen ebenfalls zum Einsatz. Die Bestimmung und die Auslegung der gewonnenen Rohdaten liegt in den Händen von Biologen.
Sechsbeinige Drogenspürhunde
Eine kürzlich entwickelte Methode erlaubt es, Insekten zur Drogenerkennung zu verwenden. In Fällen, in denen das Gewebe Verstorbener eine toxikologische Analyse nur noch schwer zuläßt, kann man bestimmte Fliegenarten (z.B. Schmeiß- und Fleischfliegen) auf den Leichenüberresten aufziehen oder von diesen absammeln. Metalle aus der Leiche, z.B. Quecksilber, Kupfer und Kalzium, reichern sich in den heranwachsenden Fliegenlarven an. Die Tiere können dann anstelle des Leichengewebes auf ihren Schadstoffgehalt untersucht werden. Schon mehrfach klärten Maden, die nahezu vollständig entfleischte Skelette besiedelten, Todesfälle auf. Besonders bei Selbstmorden kann über Insektenlarven der Nachweis erbracht werden, daß das vermutete Gift (z.B. eine leere Schlafmittelpackung auf dem Nachttisch) wirklich im Körper vorliegt. In Fällen, in denen keine nennenswerten Weichteilüberreste mehr vorhanden sind, sind Fliegenmaden die einzige Informationsquelle, die Auskunft über Vergiftungen des/der Verstorbenen geben kann.
Bevor man die Tiere zur chemisch-toxikologischen Untersuchung tötet, gibt deren Entwicklung vom Ei zur Fliege sowie ihr Verhalten weitere wertvolle Auskünfte. So verändert sich z.B. die Attraktivität toten Gewebes für Fliegen je nach dessen Gehalt an Schadstoffen. Manche Fliegen entwickeln auch regelrechte Krankheitssymptome, wenn sie belastetes Fleisch aufnehmen.
Abhängig von der Schadstoffmenge im Gewebe verändert sich die Entwicklung der Tiere. Dies nutzt man im Labor, indem Eiballen auf das fragliche Substrat gelegt werden. Das Heranwachsen zu Larven sowie das Paarungsverhalten der Erwachsenen wird beobachtet und dokumentiert. Erstaunlicherweise entwickeln sich z.B. Larven der Fleischfliege Boettcherisca peregrina auf kokain- und herionbelastetem Fleisch schneller als auf Vergleichsgewebe.
2. Algen
Nicht nur an Land, auch in Gewässern leben charakteristische Zusammenstellungen von Tieren und Pflanzen; darunter auch Algen. Für forensische Biologen sind vor allen zwei Sorten von Algen interessant: Die nur im Mikroskop zu erkennenden, herrlich anzusehenden Kieselalgen sowie die besser bekannten Grünalgen, die manchen Teich und manches Ufer färben. Nicht selten stellt sich bei im Wasser aufgefunden Leichen die Frage, ob die betreffende Person ertrunken ist oder nicht. Daher prüft man, ob sich in der Lunge, im Blut, in der Leber und im Knochenmark Algen finden. Man nimmt dabei an, daß die im Wasser schwimmenden Algen beim Ertrinken in die Lunge und von dort über das Blut in innere Organe gelangen. Diese Art der Algenanalyse ist aus zwei Gründen umstritten. Erstens finden sich auch in den Organen Nichtertrunkener Kieselalgen, wenn auch meist nicht in hoher Zahl. Diese Algen stammen aus der Nahrung und der Atemluft - sogar in zentrifugierter Luft kann man Kieselalgen nachweisen. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, daß nicht alle Ertrinkenden Wasser in die Lunge einatmen. In solchen Fällen treten nur wenige Algen in die Körperorgane über. Daher ist es nicht gestattet, aus dem Nichtvorhandensein von Algen in inneren Organen eine andere Todesart als Ertrinken abzuleiten.
Algen als Spuren
In anders gelagerten Fällen konnten Algen bereits unzweifelhaft der Tataufklärung dienen. Hierbei kommt die Süßwasserkunde (Limnologie) zum Zuge. Ein Beispiel: Im Juli 1991 wurden zwei Jungen während des Angelns von einigen Teenagern überfallen, mit Klebeband gefesselt, mit Baseballschlägern schikaniert und zum Ertrinken ins Wasser geworfen. Einer der Überfallenen konnte sich und seinen Freund rechtzeitig befreien. Sehr schnell waren drei Tatverdächtige gefaßt. Der Nachweis, daß sich alle drei Verdächtigen am Tatort aufgehalten hatten, ließ sich durch Untersuchungen des Schmutzes unter deren Turnschuhen erbringen. Dazu wurde die Schmutzkruste sowohl unter den Schuhen der drei Tatverdächtigen als auch der beiden Jungen mit zahlreichen Proben aus dem Sediment des Gewässers, an dem der Überfall stattgefunden hatte, verglichen. Die ausführliche qualitative (welche Arten von Algen kommen vor?) und quantitativ-statistische (in welchen Verhältnissen zueinander treten die Algenarten auf?) Untersuchung konnte die Übereinstimmung aller Schmutzproben bestätigen.
Gewässerökologie
Kriminalistische Schlüsse können auch in Fällen gezogen werden, in denen keine Vergleichsproben (z.B. Schmutzkrusten) vom Tatort vorliegen. Jedes Gewässer wird abhängig von seiner geografischen Lage, Tiefe usw. von charakteristischen Lebensgemeinschaften besiedelt. Kieselalgen sind besonders geeignete Indikatoren, da sie äußerst robust sind. Wegen ihrer Winzigkeit können sie gleichzeitig als Spur kaum beseitigt werden. Die Untersuchung von Schmutzteilchen gibt Hinweise darauf, aus welcher Art Gewässer oder von welcher Art Ufer die Spur stammt. Diese Analyse setzt umfangreiche gewässerkundliche Erfahrung voraus. Wenn die Polizei mit Gerichtsmedizinern und Biologen zusammenarbeitet, gelingt in solchen Fällen die Tataufklärung. Dies beweist ein amerikanisches Team, in dem ein Botanikprofessor, ein FBI-Spezialagent und ein Chefdetektiv der Staatspolizei zusammenarbeiten.
3. Weitere wirbellose Tiere
Die bekannten postmortalen Verletzungen durch Haustiere (beim Tod in der Wohnung) und Fische (bei Wasserleichen) sind recht gut als solche zu erkennen: Oft läßt sich eine Fremdeinwirkung kriminalistisch ausschließen; zudem können die Bißspuren an Knochen und Wundrändern leicht mit den Zähnen der verdächtigen Tiere verglichen werden.
Anders verhält es sich bei Wunden, die vor allem von (wirbellosen) Insekten verursacht werden. Diese Tiere erzeugen viele kleine Wunden, die sehr untypisch aussehen können. Verletzungen dieser Art lassen häufig die Frage nach Fremdeinwirkung aufkommen. Als wahre Verursacher kommen Ameisen und Käfer sowie Schnecken und Blutegel in Frage, die allesamt sehr harte und scharfe Mundwerkzeuge besitzen. Fleischfressende Wasserschnecken etwa raspeln eine regelrechte Hautstraße ab. Blutegel können mit ihren drei Kiefern mercedessternförmige Wunden erzeugen, und Verletzungen, die wie winzige Stiche aussehen, können von Käfern stammen. Hier ist es wichtig, schon am Fundort auf Tiere zu achten, die in der Nähe der Leiche zu finden sind. Da viele wirbellose Tiere nur zu bestimmten Tageszeiten aktiv sind, hilft im Zweifelsfall die Untersuchung nahegelegener Wohnorte der betreffenden Tiere, z.B. eines Weizenfeldes, wenn die Leiche auf einem Feldweg liegt.
4. Ausblick
Die forensische Tier- und Pflanzenkunde ist ein enorm kraftvolles Mittel bei der Ermittlungsarbeit und gerichtsmedizinischen Untersuchungen. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Beweise aus diesem Bereich vor Gericht eingesetzt. Sogar praktische Handbücher und Arbeitsanleitungen sind bereits erhältlich. Noch hat die Forensische Zoologie ihren festen Platz unter den anderen rechtsmedizinischen und kriminalistischen Disziplinen nicht gefunden. Dies kann und wird sich jedoch in Zukunft unter dem Eindruck der wertvollen Ergebnisse und des hohen praktischen Nutzens dieses Faches ändern. Besonders erfreulich ist dabei die Aussicht auf eine enge Zusammenarbeit von Polizisten, Medizinern, Chemikern und Biologen.
Abbildungen:
1. Fliegen
2. Algen
